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Biosphere

schön: 5 Punktevon Christoph Bauer, Max Kleinschroth, Philipp Rösch und Tilman Schneider

DDD (Redaktion: Carsten Grebe, Albert Wolf)

Illustration: Katharina Kubisch

ca. 75 €

2 bis 6 SpielerInnen (am besten: 3 bis 5)

Schwierigkeitmittel (ab ca. 12 Jahre)

Jahrgang 2018

Die Evolution mit Hilfe von Würfeln darstellen? Das funktioniert. Sehr gut sogar, was Biosphere zu einem wirklich beindruckenden Spiel macht. Man hat das Gefühl, trotz der abstrakten Darstellung der Populationen deren Entstehung, Bewegung, Vermehrung und ihr Untergehen mitzuerleben.

Auf unterschiedliche Landschaftstypen kann ich die Populationen als Würfel meiner Farbe einsetzen. Ich drehe so Würfel so, dass die jeweilige Lebenserwartung angezeigt wird. Im Wald würden Populationen drei Runden überdauern, in Wüste und Polarregion nur eine Runde. Es sei denn, ich habe zuvor mit Spielkarten meine Überlebensfähigkeit in der gewünschten Region verbessert. Dazu brauche ich Glück. Denn die zehn Spielkarten in der Auslage werden zufällig vom Stapel gezogen. Und selbst wenn ich die Kosten in Form von Evolutionspunkten zahlen kann, muss sich meine Spezies auf meiner zweigeteilten Skala entsprechend spezialisieren. Das kostet weitere Punkte, insbesondere wenn ich auf der Skala mehr als einen Schritt weiterrücken möchte.

Das gleiche gilt für die Tie-Breaker-Leiste. Die könnten man eigentlich als nebensächlich abtun – schließlich wollen wir einen Sieg und kein Unentschieden. Diese Leiste enthält eine heftige Gemeinheit: Schon recht kurz nach dem Start kann der Führende den Punkt erreichen, an dem die zu weit Zurückgeblieben mit dem Verlust von Überlebensfähigkeit bestraft werden. Das ist ziemlich frustrierend, passt irgendwie nicht zum Spiel, und führt zu einem verzagten Start, wenn man sich des Risikos bewusst wird. Man kann die Tie-Breaker-Leiste insbesondere in den ersten Partien auch weglassen, das ist eine in der Anleitung etwas versteckte Regelvariante. Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, wie das Spiel besser klappt: mit oder ohne. Die Leiste könnte sinnvoll sein, um den Startspielervorteil zu begrenzen. Doch das gelingt nicht wirklich überzeugend – zumal sich die Autoren in der sich widersprechenden ersten und zweiten Regelauflage unsicher zeigten, ob der Startspieler eher vorn oder hinten stehen muss, um angemessen gebremst zu werden. Wer startet, hat die maximale Auswahl aus den zehn Spielkarten und kann seine Startposition auf dem Spielfeld frei wählen. Das kann manchmal für den letzten ziemlich frustrierend sein, wenn er mit dem Rest vorlieb nehmen muss. Aber: auch der in der Startreihenfolge letzte kann gewinnen.

Fünf von sieben möglichen Siegbedingungen, in jeder Partie unterschiedliche, muss man erfolgreich erfüllen, um zu gewinnen. Beispielsweise insgesamt 30 Populationen auf dem Tisch zu haben oder mindestens je einen Würfel in vier Wüsten- und Polargebieten. Das muss nicht gleichzeitig geschehen, nacheinander geht auch. Das ist gar nicht so schwer und funktioniert oft recht schnell. Die Spieldauer ist keinesfalls zu lang, vielleicht sogar einen Ticken zu kurz. Das Hin und Her der Populationen, ihre Regenerationsfähigkeit, die Ausbreitung: Vieles würde man gerne noch etwas länger beobachten.

Wenn man Spiel einmal durch hat, merkt man, wie gut verständlich der Mechanismus ist, und dass die Abläufe relativ eingängig sind. Nur die Evolutionsuhr ist etwas tricky. Am Anfang scheint das noch simpel. Wenn ein Populationswürfel auf 5 steht, strotzt er vor Kraft und Überlebensfähigkeit – während eine 1 den kommenden Rundenwechsel nicht überleben wird. Denn das ist er Zeitpunkt, die Uhr um einen Schritt weiterzubewegen. Ab jetzt sind die 2er-Würfel die schwächsten. Und wenn eine neue Population fünf Zeitalter durchhalten würde, muss der Würfel auf 1 gestellt werden. Manch einem Spieler gefüllt das nicht, man muss immer genau hinschauen, denn intuitiv ist das überhaupt nicht – aber ich wüsste auch nicht, wie es anderes darzustellen ist. Mich beeindruckt, wie die Autoren überhaupt auf diese Idee gekommen sind.

Biosphere ist vielleicht kein hundertprozentig perfektes Spiel. Aber sein spielerischer Kern ist faszinierend. Biosphere ist kein seelenloses Konstrukt, an dem man sich entlanghangelt. Sondern es ist ein verschwenderisch ausgestattetes Spiel (sehr viele Würfel für sogar sechs Spieler) mit einem beeindruckenden Thema.

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