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Heaven & Ale

schön: 5 Punktevon Michael Kiesling und Andreas Schmidt

Eggertspiele / Pegasus Spiele (Plan B, Redaktion: Viktor Kobilke, Philippe Schmidt)

ca. 40 €

2 bis 4 SpielerInnen

Schwierigkeitmittel (ab ca. 12 Jahre)

Nominiert für das Kennerspiel des Jahres 2018

5. Platz Deutscher Spiele Preis 2018

Hopfen, gutes Wasser, Hefe, beste Gerste und Holz für die Fässer – fünf Ressourcenmarker muss ich auf der Zählleiste nach vorne rücken. Das Ziel ist überschaubar: Am Ende entscheidet der letzte Marker, also mein schlechtester Rohstoff, über die Zahl der Siegpunkte. Immerhin darf ich dabei ein wenig tricksen, indem ich das Feld der Ressourcenmarker zusammenrücken lassen. Hier muss ich auf die Figur meines Braumeisters schauen, die sich ebenfalls auf der Zählleiste befindet. Wenn sie das Tauschverhältnis 3:1 anzeigt, kann der vorderste Rohstoffmarker drei Felder zurückgehen und der hinterste geht einen Schritt nach vorn. Außerdem bestimmt der Braumeister noch einen Multiplikator für meine Siegpunkte.

Um den Braumeister nach vorn zu rücken, muss einer meiner Bauernhöfe besonders schlecht dastehen. Immer wenn auf meinem 30-Felder-Tableau, einer Karte mit meinem landwirtschaftlichen Besitz, ein Hof komplett von Feld-Plättchen und/oder Mönchen umschlossen ist, wird die Ertragszahl ermittelt. Sie kann pro Feld zwischen 1 und 5 liegen. Wenn der Ertrag niedrig ist, rückt mein Braumeister weit nach vorn. Bei hohem Ertrag darf ich bis zu vier der sechs angrenzenden Plättchen werten. Wenn eines auf der Sonnenseite des Tableaus liegt, rücken meine Ressourcenmarker nach vor. Wenn ein Plättchen im Schatten liegt, kassiere ich ein paar Münzen.

Geld ist knapp, oft sogar super knapp. Denn ein Plättchen auf die Sonnenseite zu legen, ist extrem teuer. Es kostet nämlich das doppelte der Ertragszahl. Auf der Schattenseite kostet es nur einfach – aber im Schatten kann ich das Spiel nicht gewinnen.

Jeder hat ein eigenes Tableau, das er optimieren muss. So betrachtet spielt sich Heaven & Ale ziemlich solitär. Dass sich das aber oft gar nicht so anfühlt, liegt an dem Brett in der Tischmitte. Hier laufen unsere Spielfiguren im Kreis. In der Vier-Personen-Konstellation sechs Mal. Auf den Lauffeldern befindet sich jeweils ein Plättchen, das dort zufällig verteilt hingelegt wurde. Für mich besonders attraktive Plättchen kann ich mit meiner Spielfigur direkt ansteuern, sie mir nehmen, die Kosten bezahlen und auf mein Tableau legen. Der Nachteil dieses Vorgehens: Alle von mir übersprungenen Plättchen sind nun unerreichbar, weil ich nicht rückwärts laufen kann. Beim forschen Vorwärtspreschen kann mir der Gegner die wichtigsten Dinge zwar nicht wegschnappen. Aber der Langsame kann als „Lumpensammler“ seelenruhig alles nehmen, was die anderen liegengelassen haben. Denn das kann geschickt eingesetzt ebenfalls bedeutend sein.

Gerade in der ersten Partie werden die Mönch-Plättchen gelegentlich unterschätzt, die bei Wertungen die Nachbarfelder aktivieren. Und man beginnt viel zu spät, die Wertungschips zu verwenden, die auf einigen Lauffeldern statt eines Plättchens liegen. Mit diesen werden beispielsweise alle Getreidefelder gleichzeitig gewertet werden. Immer darauf zu warten, erst viele entsprechende Felder auf den Tableau liegen zu haben, führt nämlich dazu, die Wertungsmöglichkeiten deutlich zu reduzieren. Denn so viele Chips gibt es gar nicht, dass alle Spieler ihre Wünsche erst in der letzten Runde realisieren können.

Die Spielregeln sind moderat und gut zu verstehen. Doch im Gegensatz dazu sie Entscheidungsmöglichkeiten, die bei Heaven & Ale über uns hereinprasseln, überaus vielfältig und es ist äußerst kompliziert, das richtige Vorgehen zu identifizieren. In der ersten Partie landet man manchmal bei einer niedrigen einstelligen Siegpunktzahl auf der Zählleiste. Hinzu kommen noch ein paar Fasspunkte, die zwischendurch für erreichte Ziele vergeben werden. Doch die Lernkurve ist steil. In Partie Nummer 2 freut manch sich schon darüber, ein Vielfaches zu gewinnen.

Vielleicht wäre es gut gewesen, an die Spielanleitung noch ein paar taktische Tipps anzuhängen. Wer den Frust des Anfangs überwindet, erlebt ein in mechanischer Hinsicht perfekt komponiertes Spiel – das thematische Erleben bleibt dabei aber auf der Strecke. Schmeckt das Spiel wie ein malziges oder hopfenbetontes Bier? Weder noch. Es schmeckt wie ein Mineralwasser, und zwar ein besonders hochwertiges. Wie schon bei Azul ist Michael Kiesling gemeinsam mit der Redaktion von Eggertspiele (die mittlerweile zum kanadischen Plan B-Verlag gehören) etwas Großartiges gelungen, diesmal gemeinsam mit Co-Autor Andreas Schmidt.

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