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Helvetia

schön: 5 PunkteDörfer bauen – Paare trauen

von Matthias Cramer

Kosmos (Redaktion: Eva Kuon, Sebastian Rapp)

ca. 35 € 

2 bis 4 SpielerInnen

Schwierigkeitmittel (ab ca. 12 Jahre)

5. Platz
Deutscher Spiele Preis 2012

Als der damalige Finanzminister Peer Steinbrück den Schweizern wegen des in dortigen Banken gehorteten Schwarzgeldes mit der „Kavallerie“ drohte, waren insbesondere die dortigen Politikerinnen und Politiker tief beleidigt. Kosmos beugt dem vor und vertreibt Helvetia erst gar nicht in unserem Nachbarland. Denn das Spiel „unterstellt“ den Helvetiern, rückständige Bergvölker zu sein, die ihre Söhne und Töchter in arrangierten Ehen verheiraten. Das dürfte den Humor der Schweizerinnen und Schweizer überstrapazieren, glaubt der Stuttgarter Verlag.

Die Eheschließungen ins Nachbardorf sind das, was Helvetia zu einem erfrischend anderen Spiel macht. Jeder Spieler hat sein eigenes Dorf – ein kleines Tableau – mit Männer und Frauen seiner Farbe. Dazu kommen ein paar Häuser, in denen diese jeweils einen bestimmten Rohstoff produzieren können, indem wir die dortige Figur nach getaner Arbeit zum Schlafen legen. Wenn jemand in seinem eigenen Dorf eine bestimmte Ressource nicht produzieren kann, schaut er ins Nachbardorf. Wenn es dort in einem bestimmten Haus mit dem richtigen Rohstoff einen Single gibt, kann er einheiraten. Dann hat er die Möglichkeit, mit einer eigenen Figur in der Fremde Rohstoffe zu produzieren.

Damit ist die Helvetia-Geschichte noch nicht fertig erzählt. Was machen die stehenden oder schlafenden Ehepaare in meinem Dorf? Sich um Nachwuchs kümmern. Mit der „Hebamme“-Aktion stellen wir eine Figur mit der „Kind“-Seite ins Haus. Diese kommen nach Jahresende in die Schule, womit sie bereits im heiratsfähigen Alter sind. Sie finden anschließend entweder einen Platz im Nachbardorf oder bevölkern den Heimatort.

Ziel ist es, neue Häuser zur Rohstoff- oder Siegpunktproduktion zu bauen beziehungsweise Waren auf das Tableau in der Tischmitte zu liefern. Zwischendurch dürfen wir nicht vergessen, mit der „Nachtwächter“-Aktion die Figuren im Dorf wieder aufzuwecken.

Leider ist das Spiel etwas unübersichtlich, weil man immer auch die Dörfer der Nachbarn im Blick haben muss. Da es in diesem hinterwäldlerisch gestalteten Helvetia selbstverständlich keine lesbischen oder schwulen Ehen gibt, ist auf das Geschlecht der Spielfiguren zu achten. Insbesondere in der ersten Auflage ist das schwierig, weil die Figuren viel zu ähnlich aussehen – zumal man das Gefühl hat, dass die strikte Unterscheidung der Geschlechter in spielerischer Hinsicht gar nicht wo wichtig ist.

Insgesamt wirkt der gesamte Ablauf in Helvetia etwas zu detailverliebt. Es sind zu viele Kleinigkeiten im Spiel – bis hin zu einer verwirrenden Mitgift-Regelung –, die eher bremsend als wirklich bedeutsam erscheinen. So bleibt das Fazit eines atmosphärisch überzeugendes Erlebnisses, dass sich manchmal selbst auf den Füßen steht.

[ brettspielwelt.de: Helvetia online spielen ]

© Harald Schrapers · games we play 2012