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The King’s Dilemma

5 von 6Die Entscheidung liegt in deiner Hand

von Lorenzo Silva und Hjalmar Hach, Autor der Story: Carlo Burelli

HG – Horrible Guild (dt. Ausgabe: Heidelbär Games, Redaktion: Alessandro Pra’, Flavio Martarino, Laura Severino, Sabine Machaczek, Vertrieb: Heidelberger Spieleverlag)

Illustration: Giorgio Baroni

ca. 75 €

3 bis 5 SpielerInnen (am besten: 4 bis 5)

Schwierigkeitschwer

Nominiert für das Kennerspiel des Jahres 2020

Brettspielpodcast | King’s Dilemma »

Immer diese Zwickmühlen! Ständig wird eine Dilemmakarte aufgedeckt, und ich muss mich entscheiden. Wofür bin ich? Das erkläre ich wortreich den anderen Mitgliedern des Rats des Königreichs Ankist – einer Welt, die irgendwo zwischen dem heute, dem Mittelalter und einer Game-of-Thrones-Fantasyfiktion angesiedelt ist. Es gibt einflussreiche Kaufleute, bedeutende Gelehrte und eine starke Armee plus den Kult der Mutter, die mächtige Religion. Bin ich für die Aufklärung und das Wissen? Oder fürchte ich um die von der Religion vorbestimmte Moral? Ich muss mich für Ja oder Nein entscheiden, kann aber auch passen. Welche Meinung sich durchsetzt, wird in einem etwas gewöhnungsbedürftigen und gleichwohl raffinierten Versteigerungsverfahrung ermittelt.

Es wird viel vorgelesen. Die Texte kommen meistens auf den Punkt, sind perfekt übersetzt, und fesseln einen an das Spiel, das bei uns über 18 ungefähr einstündige Partien gedauert hat. Es gibt spannende Themen, die abgehandelt werden – ethisch-moralisch, ökonomische und haushalterische, Kirchen- und Gleichstellungsfragen sowie der Umgang mit Minderheiten. In diesem Spiel wird viel geredet, bestochen und argumentiert – manche vergleichen es sogar mit einem Rollenspiel. Doch im Kern ist es ein Brettspiel. Marker für Einfluss, Vermögen, Moral, Wohlergehen und Wissen befinden sich auf dem Spielbrett und wandern auf der Leiste nach oben oder nach unten. Außerdem gibt es den Stabilitätsmarker: Das ist ein Volatilitätsindex, der ausschlägt, wenn sich die andern fünf Marker zu heftig nach oben oder unten bewegen. Dann endet eine Partie schon mal vorzeitig durch Abdankung des Königs. Wenn dies nicht der Fall ist, dauert eine Partie mindestens sieben Dilemmakarten, bis der König stirbt. Dann werden Punkte gezählt und der Sieger ermittelt.

Zuvor gedraftete Agendakarten sagen uns, wohin wir die Marker bewegen möchten – das ist der eigentliche Beweggrund, warum ich bei den Entscheidungen des Spiels mal für Ja und mal für Nein bin. Die Agenda bestimmt eindeutig, wer eine Partie gewinnt. Und wer gewinnt die Gesamtkampagne? Das weißt man nicht genau. Man bekommt pro Partie je nach Platzierung Ansehens- oder Ambitionspunkte. Aber was ist der Unterschied zwischen dem Ansehen – das eine gewisse Gemeinwohlorientierung ausdrückt – und der eher selbstbezogenen Ambition? Sind die Punkte gleichwertig – wohl nicht – wie stehen sie in Relation? Keine Ahnung. Der Kunstgriff, für die Kampagne keine lineare Siegpunktleiste zu verwenden, sondern das eigentliche Ziel nur nebulös anzudeuten, ist ziemlich genial. So weiß man nie, wer ganz vorne liegt und wer abgeschlagen hinten. Somit bleiben alle Spielerinnen und Spieler motiviert bei der Stange. Obwohl es ziemlich verwirrend ist, ohne die Kenntnis des wirklichen Ziels zu spielen.

Klar ist, dass es am Ende einen Sieger gibt, denn es soll ein großes Finale geben. Wie das passiert, verrate ich nicht, damit es für alle spannend bleibt. Allerdings warne ichvor zu großen Erwartungen. In der Runde, die ich gespielt habe, war das nämlich nur bedingt spannend, weil die Punktekonstellation, mit der wir ins Finale einzogen, das nicht wirklich hergab. Wer dann doch abgeschlagener ist, als er bislang dachte, kann nur noch entscheiden, ob er darum kämpft, nicht letzter zu werden oder sich als Königsmacher zu betätigen. Das mag in vielen oder sogar den meisten Kampagnen anders sein. Mein Problem ist aber: Ich kenne nur die eine Kampagne, logischerweise immer in der selben Besetzung gespielt, optimalerweise zu fünft. Meine Bewertung des Spiels ist also überaus subjektiv, auf ein singuläres Ereignis bezogen. Aber bei einem Legacy Spiel-geht das nicht anders. Noch mal spielen geht nicht, die Schachtel landet jetzt samt Inhalt – bis auf das Tiefziehteil – im Papiermüll. Vieles hatte ich gar nicht verwendet. Von den 75 Briefumschlägen, mit denen immer neue Storyelemente und Dilemmakarten ins Spiel kamen, sind 30 noch ungeöffnet.

Das Legacy-Prinzip bei King’s Dilemma konzentriert sich auf die thematische Entwicklung. Bei regeltechnischen Veränderungen ist das Spiel sparsam. Zumal die Grundregeln, gleichwohl sie nicht wirklich kompliziert sind, mit 35 Anleitungsseiten schon umfangreich genug sind. Die Regeln sind gut gelungen, nur ein Regeldetail hat mich nicht überzeugt. Kleine Ereignisse kommen als Sticker ins Spiel, werden von dem Gewinner der laufenden Versteigerungsrunde mit seinem Namen gekennzeichnet, und auf das Spielbrett geklebt. Damit man erkennt, wie alt ein Ereignis ist, wird jeder Aufkleber pro Partie mit einem Kreuz markiert. Leider aber maximal drei Kreuze – und dieser Regelfehler sorgte dafür, dass bei uns oft nicht das älteste Ereignis in Vergessenheit geriet (also überklebt wurde), sondern das jüngste.

Man braucht für King’s Dilemma eine feste Gruppe, die von Anfang bis Ende durchhält. Zwischendurch einsteigen oder mal Aussetzen macht wenig Sinn, auch wenn Spielanleitung anderes behauptet. Am besten sind fünf Leute, passionierte Hobbyspielerinnen und -spieler, dabei: The King’s Dilemma ist ein Erlebnis, auf das man sich freuen kann, sobald die Kontaktsperren aufgehoben sind und man sich wieder zu Spielerunden außerhalb der Familie treffen kann.

 


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