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Nessos

4 von 6 PunktenDeduktion und Bluff im mythischen Griechenland

von Takaaki Sayama und Toshiki Arao

iello (Redaktion: Ludovic Papaïs, Simon Hopp, Vertrieb: Hutter Trade)

Illustration: Miguel Coimbra

ca. 15 €

3 bis 6 SpielerInnen (am besten: 4 bis 5)

Schwierigkeit sehr einfach (ab ca. 8 Jahre)

Jahrgang 2018/19

Bei Nessos konkurriert der böse Charon mit den Fabelwesen der griechischen Mythologie. Im japanischen Original – Bakudan Takarabako – hatte das Spiel einen plakativeren Titel: Bombe und Schätze. Ich nehme eine meiner fünf Handkarten und schiebe sie verdeckt zu einem Gegner. Und sage lächelnd: „Das ist eine Acht.“ Wenn es sich um ein Fabelwesen handelt, auf denen sich die Ziffern 1 bis 10 befinden, sage ich die Wahrheit. Wenn es Charon beziehungsweise die Bombe ist, lüge ich. Denn auf diesen Karten befindet sich gar keine Zahl. Wer drei Charon-Karten in seiner Auslage hat, verliert das Spiel.

Wahrheit oder Lüge? Mein Gegner kann die angebotene „Acht“ akzeptieren und offen vor sich auslegen. Oder er weist das Angebot zurück, und ich muss die Karte selbst aufdecken. Dritte Alternative: Er legt eine weitere Karte dazu, sagt, es sei eine Fünf, und schiebt das Angebot zu einem anderen Spieler. Der könnte sogar noch eine weitere Karte hinzufügen. Spätestens dann muss die Entscheidung fallen: Annehmen oder zurückweisen. Jetzt werden die Karten auf alle Fälle aufgedeckt.

Schluss ist, wenn nur noch der Sieger im Spiel ist, weil alle anderen drei „Bomben“ gesammelt haben. Das kann aber nur in der Dreier- oder selten auch in der Vierer-Partie passieren. Denn sobald insgesamt neun Charon-Karten auf dem Tisch liegen, ist das Spiel vorzeitig vorbei. Es ist ein wenig verwirrend, dass die Spielregel gar nicht darauf eingeht, dass die Siegbedingungen sich auch dieser Hinsicht je nach Spielerzahl unterscheiden. Es gibt lediglich eine Tabelle, die das Spielende nach gewonnener Punktezahl bestimmt: Wenn in der Dreier-Partie ein Spieler 40 Punkte erreicht hat, ist er der Gewinner. In der Sechs-Personen-Partie siegt er bereits mit 30 Punkten.

Nessos wirkt – trotz relativ vieler Spielkarten – wie eine Mischung aus einem japanischen Microgame und Kakerlakenpoker. Es ist ein Bluffspiel, sehr reduziert in seinen Regeln, und sorgt für kurzweiligen Spaß. Außerdem ist es kurz. Eine Partie dauert noch nicht einmal die auf der Schachtel angegebenen 20 Minuten.

Das, was die Nessos-Spielregel als Runde bezeichnet, fühlt sich eher wie ein Stich an. Deswegen neigen wir dazu, dass der jeweilige Kartengewinner auch die nächste Karte ausspielt. Da aber definitionsgemäß eine Runde vorbei ist, wechselt die kleine Startspieleramphore. Das ist sicherlich gerecht, aber eben auch ein wenig holprig. Bald ist schon das ganze Spiel vorbei, und nicht nur eine Runde, nach der man die Ergebnisse auf einem Zettel notiert. Trotzdem wird man noch eine zweite Partie dranhängen – Nessos ist zwar nicht besonders originell oder einfallsreich, aber es macht insbesondere beim Spiel mit Kindern so viel Freude, dass man es bei einem Spiel nicht belässt.

Sehr verwunderlich ist der Untertitel, den Nessos auf dem Schachteldeckel trägt: „Deduktion und Bluff“. Ein Bluffspiel ist Nessos tatsächlich. Aber wer kam auf die Idee, es als Deduktionsspiel zu bezeichnen? Ich habe mir die Spielanleitung sogar noch ein drittes Mal durchgeschaut – und habe keine wirkliche Deduktion gefunden.

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