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Die Quacksalber
von Quedlinburg

von Wolfgang Warsch

Schmidt (Redaktion: Thorsten Gimmler)

Illustration: Dennis Lohausen

schön: 5 Punktegames we play Tip: Das TOPspielca. 32 €

2 bis 4 SpielerInnen

Schwierigkeiteinfach (ab ca. 10 Jahre)

Kennerspiel des Jahres 2018

5. Platz Deutscher Spiele Preis 2018

Ich ziehe aus meinem Stoffbeutel Zutaten-Chips und lege diese auf eine Zählleiste, die meinen Zauberkessel spiralförmig ausfüllt. Gut ist es, wenn ich einen grünen Kreuzspinnen-Chip ziehe oder einen Kürbis. Nicht so gut sind die weißen Knallerbsen-Chips. Zwar kann ich mich da über einen 3er-Chip freuen, mit dem ich auf der Spirale drei Schritte nach vorn gehen darf. Aber genau das ist gefährlich. Sobald ich Knallerbsen mit dem Gesamtwert 8 gezogen habe, explodiert der Kessel.

Quacksalber von Quedlinburg ist ein Spiel, bei dem man sofort mit Begeisterung dabei ist. Der Einwand, dass man für sich allein spielt und jeder seine eigene Suppe kocht, zieht überhaupt nicht. Zwar ist es richtig, dass wir in dieser Phase nebeneinanderher spielen – jeder mit eigenem Stoffbeutel und Zauberkessel. Doch niemand vermisst die Interaktion, denn spannend ist das allemal. Eben auch deshalb, weil wir auf niemanden warten müssen. Es reicht uns, die leisen Flüche der Gegner zu hören, wenn sie mal wieder viel zu früh ihre Knallerbsen in die Kessel legen müssen.

Eine Warnung muss aber ausgesprochen werden: Wer gerne schummelt, ist hier fehl am Platze. Denn dann müsste man, um wenigstens eine kleine Kontrollmöglichkeit zu haben, im simultanen Rhythmus aus dem Beutel ziehen. Das macht aber deutlich weniger Spaß. Wir spielen immer gleichzeitig – und damit die schnelleren Spieler nicht benachteiligt sind, darf man auch dann noch einmal ziehen, wenn man die Beutel schon zur Seite gelegt hatte. Das steht in der Spielanleitung zwar anders, hat sich aber als deutlich praktikabler erwiesen – auch für die neunte und letzte Runde.

Schön ist es, dass ein explodierter Kessel zwar ärgerlich, aber kein Stimmungskiller ist. Freilich muss ich auf den Siegerwürfel verzichten, der mir mit Glück eine attraktive Prämie verschafft hätte. Aber würfeln darf eh nur derjenige, der auf Zählleiste im Kessel am weitesten gekommen ist. Von Zutateneffekten und Rubinprämien profitiert grundsätzlich jeder, egal ob mit oder ohne Knallerbsenüberdosis. Der explodierte Spieler muss sich als Strafe lediglich entscheiden, ob er entweder neue Chips einkauft oder Siegpunkte kassiert. Erfolgreiche Mitspieler nehmen entsprechend des erreichten Feldes auf der Kessel-Spirale beides in Anspruch.

Besonders wichtig ist zumindest in den ersten Runden der Einkauf. Damit ich nicht immer zuerst die sieben Knallerbsen-Chips aus meinem Beutel ziehe, darf ich pro Runde ein oder zwei „nützliche“ Chips erwerben und in meinen Stoffsack tun. Günstig sind Chips, die auf der Kessel-Spirale nur einen Punkt wert sind, kostspielig sind die mit den vier Punkten. Hinzu kommen Effekte. Ein Beispiel: Bei einem blauen Chip darf man weitere Chips ziehen, einen davon auswählen, und den Rest zurück in den Beutel werfen. Hier gibt es verschiedenen Möglichkeiten, seinen Beutelinhalt taktisch klug zusammenzustellen.

„Bag Building“ nennt sich dieses Spielprinzip, was auch in der Überschrift der Spielanleitung so geschrieben steht. Hoffentlich fühlt sich von diesem Fachbegriff keiner abgeschreckt, und auch nicht von dem etwas monoton und ungegliedert wirkenden Aufbau der Anleitung. Denn eigentlich ist die Regel recht eingängig, auch wenn man sie noch etwas straffer hätte machen können (in der Runde 1 würde ich auf die Wahrsagekarten verzichten, und auch die Flasche erscheint mir zu unbedeutend). Auch gilt es, noch einige Fehler zu beheben, bevor das Spiel in zweiter Auflage erscheint.

Runde für Runde wird der Stoffbeutel voller und die Zutaten für den Trank sorgen für mehr Punkte. Erfolgreicher werden wir, weil man in der Kessel-Spirale den Startpunkt dann und wann ein Stückchen vorrücken darf. Das gilt besonders für zurückliegende Spieler. Sie zählen auf der Siegpunktleiste, wie viele Rattenschwänze zwischen ihrer Punktzahl und der des Führenden liegen und dürfen das als Nachteilsausgleich mit dem Rattenstein auf der Spirale abmarkieren.

Quacksalber liefert die Erweiterung übrigens direkt mit. Die Sonderfunktionen der Chips werden auf Bücher-Karten erläutert. Davon sind jeweils zwei verschiedene in der Spielschachtel enthalten, so dass es mit Vor- und Rückseite vier unterschiedliche Spielmodi gibt. Notwendig ist das aber überhaupt nicht. Das Spiel ist schon in der Basisvariante so gut, dass es mit dem Set 2 nicht mehr dazugewinnen kann. Und dass es ohne Modifikationen schnell langweilig wird, kann ich mir nicht vorstellen. Statt dieser zusätzlichen Bücher-Sets hätte ich mir eine bessere Druck- und Materialqualität gewünscht. Das würde sich angesichts der vielen Partien, die ich jetzt schon mit Begeisterung absolviert habe, unbedingt lohnen.

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