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The Castles of Tuscany

5 von 6 Punktenvon Stefan Feld

Alea (Redaktion: Stefan Brück, Vertrieb: Ravensburger)

Illustration: Antje Stephan, Claus Stephan

ca. 46 €

2 bis 4 SpielerInnen

Schwierigkeit einfach (ab ca. 10 Jahre)

Jahrgang 2021

The Castles of Tuscany – das ist kein schöner Titel. „I Castelli della Toscana“ – ein solcher Name wäre weitaus schöner, er wäre das I-Tüpfelchen auf einem Spiel, das in vielerlei Hinsicht herausragend ist.

Vor jeder Spielerin und jedem Spieler befindet sich ein persönliches Tableau, das aus 30 sechseckigen farbigen Landschaften besteht. Im Kern geht es darum, Sechseckplättchen passend auf Landschaften zu legen – ein Dorf-Plättchen auf Rot, einen Steinbruch auf Grau und so weiter. Dafür gibt es jeweils einen Punkt – außer dann, wenn zwei oder drei gleichfarbige Landschaften aneinandergrenzen. Hier muss erst das gesamte Gebiet gefüllt werden, bevor es Punkte gibt – dann aber direkt drei oder sechs Punkte. Außerdem gewährt mir jedes Plättchen, je nach Farbe, einen besonderen Bonus: Der Steinbruch gibt mir zum Beispiel ein Stück Marmor, den ich für einen Doppelzug verwenden kann.

Wer ein Plättchen auf sein Tableau legt, muss dies mit zwei Handkarten in derselben Farbe bezahlen. Somit gibt es nur drei Aktionsmöglichkeiten: Plättchen aus der offenen Auslage nehmen, Plättchen bauen und Handkarten vom verdeckten Stapel nachziehen. Für das Erklären der Spielregeln brauche inzwischen nur noch fünf Minuten, dann kennen alle die entscheidenden Grundzüge und das Spiel kann starten.

Leider ist die Spielanleitung nicht ganz so gut gelungen. Beispielsweise ist ein ganz entscheidender Kniff nur schwer verständlich dargestellt: Nach einem Spieldrittel werden meine auf der grünen Leiste errungenen Siegpunkte auf die rote Leiste übertragen. Hierbei geht es aber nicht darum, Platz auf der grünen Leiste zu sparen. Sondern die im ersten Drittel errungenen Punkte sollen dreifach zählen, die aus dem zweiten Drittel doppelt. Und das hat ganz entscheidende Folgen für die Spieldynamik. Tuscany beginnt nicht mit Vorgeplänkel, vorsorglichem massenweisen Handkartenziehen und einer sanft ansteigenden Spannungskurve. Sondern man startet schnellst möglich voll durch, denn die erste Zwischenwertung ist super wichtig. Der Nachteil des Spiels: Wer keine Erfahrung mit Tuscany hat, sieht sich manchmal frühzeitig punktemäßig abgeschlagen. Aber der Lernkurve ist steil, und die Endergebnisse sind bald sehr dicht beieinander.

Schon vor Spielbeginn versuche ich, mir einen Plan zurechtzulegen, um den Sieg zu erreichen. Dazu puzzle mir mein Landschaftstableau aus drei Teilen zusammen, wodurch unterschiedliche Einer-, Zweier- und Dreier-Gebiete entstehen. Dann wähle ich einen Startort aus. Meist möchte ich schnell ein rotes Plättchen legen. Denn die roten Städte gewähren mir einen ständigen Vorteil, den ich aus fünf Alternativen aussuchen kann. So könnte ich den Steinbruch aufrüsten, so dass er mir jedes Mal zwei Doppelzug-Marmor produziert.

Doch man braucht schon sehr viel Glück, wenn die Planung eins zu eins aufgehen soll. Castles of Tuscany ist nämlich kein Strategiespiel. Sondern die Kunst ist, auf die Zufälle taktisch klug zu reagieren und von der zurechtgelegten Road Map abzuweichen, wenn ein anderer Weg passender erscheint. Das Nachziehen der Handkarten ist ein beträchtlicher Glücksfaktor – deswegen sollte man sich auf alle Fälle für den „+1 Spielkarte“-Bonus entscheiden, wenn man vor Beginn des Spiels eines der Vorteilsplättchen nehmen darf (in einer guten Spielanleitung würde das so drinstehen). Dann darf ich nämlich statt zwei immer drei Karten ziehen. So lässt sich Tuscany auch sehr gut in Vollbesetzung zu viert spielen, weil dann Runden, in denen alle einfach nur nachziehen, seltener vorkommen.

Wenn einem die richtige Handkarte fehlt, kann man sie durch ein anderes Kartenpaar ersetzen. Deshalb ist der Glücksfaktor, wenn es um das Nehmen der Landschaftsplättchen geht, noch größer. Hier ist man wirklich auf das angewiesen, was es unter den je acht zur Auswahl liegenden Plättchen gibt. Und manchmal kann man sich prächtig darüber ärgern, dass einem die Gegnerin immer die rote Stadt vor der Nase wegschnappt. An Interaktion fehlt es nicht, obwohl alle ihr eigenes Tableau bewirtschaften. Wann könnte der Mitspieler den Bonus für die zuerst komplettierte orange Dorflandschaft kassieren, wann löst die Mitspielerin die erste Drittelwertung aus, weil sie das siebte Plättchen nimmt? Oder bin ich schneller?

Stefan Feld hat sich als Autor einen Namen mit recht anspruchsvollen Strategiespielen gemacht, beispielsweise Die Burgen von Burgund, das ein paar Ähnlichkeiten mit Tuscany besitzt. Dass Feld auch das Genre der leichter zugänglichen Spiele beherrscht, beweist er mit diesem überaus gelungenen The Castles of Tuscany.

© · games we play 2020


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