games we play

Cozy Sticker Ville

5 von 6 von Corey Konieczka

Unexpected Games (Redaktion: Timothy Meyer, Susanne Kraft u.a., Vertrieb: Asmodee)

Illustration: Jonathan Aucomte u.a.

Hergestellt in China

ca. 44 €

1 bis 6 SpielerInnen (besser: 2 bis 3)

Schwierigkeit ◼◼◻◻

Jahrgang 2026

Aufkleber auf ein Spielbrett kleben und daraus ein Brettspiel machen – diese Idee ist zunächst einmal verblüffend. Gemeinsam baut man über mehrere Jahre hinweg ein Dorf auf und dokumentiert jede Veränderung mit Stickern. Am Anfang liegt nur ein leerer Spielplan vor uns, der sich nach und nach mit Häusern, Wegen, Bewohnerinnen und Bewohnern füllt.

Der Ablauf ist denkbar einfach. Wer am Zug ist, zieht eine Ereigniskarte, liest sie laut vor und trifft eine Entscheidung. Danach folgt eine Aktion, etwa eine Passage im Storyheft zu lesen. Viele Entscheidungen führen dazu, dass neue Aufkleber auf den Spielplan geklebt werden.

Ist das überhaupt ein Spiel – oder eher eine Mischung aus Abenteuerbuch und Panini-Album? Die Antwort lautet: Ja, es ist ein Spiel. Denn wir müssen mit Ressourcen – Holz, Nahrung, Erz und Gold – haushalten, gelegentlich würfeln und kleine Suchaufgaben sowie Rätsel lösen. Nach zehn Partien haben wir das Spiel gewonnen – mehr oder weniger deutlich, je nachdem, wie zufrieden unser Dorf am Ende ist. Verlieren kann man allerdings nicht. Wer mag, kann auf der Rückseite des Spielbretts noch einmal zehn Durchgänge erleben, dann ist das Spiel endgültig abgeschlossen.

Das Spielprinzip und die Mechanik gefallen mir jedenfalls. Auch die Anleitung ist im Großen und Ganzen in Ordnung. Auf BoardGameGeek finden sich erstaunlich viele Regelfragen, und auch ich hatte manchmal Zweifel, wie etwas genau zu spielen ist. Aber alles erweist sich als lösbar.

Ein reines Wohlfühlspiel also? Die Mechanik ist sicherlich „cozy“, so einfach wie sie ist. Und die Atmosphäre ist ebenfalls eher positiv – aber manchmal gibt es auch dunklere Schatten am Himmel, denn das Spiel möchte eben auch ein wenig Gesellschaftssatire sein.

In der erzählten Geschichte geht es mal um Banalitäten, mal um moralische Fragen und mal um Dinge, die das Dorf bedrohen könnten. Nicht jede Wendung und jede Entscheidung, die ich treffen muss, gefällt mir: Die Bäuerin Dill ist einsam, also verkupple ich sie mit meinem Cousin – dafür gibt es den „Liebesboten“-Pokal. Ist das lustig? Es ist Bürgermeisterwahlkampf und ich verliere. Die Frage lautet: Erkenne ich das Wahlergebnis an – ja oder nein? Später nervt mich das Spiel erneut, weil der Bürgermeister ein „Kleingeist“ sein soll. Wäre mir die Macht nicht lieber? Es gäbe demokratische Methoden, um an die Macht zu kommen, aber das Spiel sagt: „Putsch!“ Als Belohnung winkt die Trophäe „Tyrann“.

Solche Situationen wirken auf mich zu platt. Manche Themen werden in ein sehr einfaches und dann unpassendes Schwarz-Weiß-Schema gepresst. Schule etwa wird auf die Wahl zwischen „Klassenarbeiten“ oder „Spaß“ reduziert. Diese Art von Entscheidungen suggeriert Ja-Nein-Antworten, wo eigentlich eine differenzierte Betrachtung nötig wäre. Der gelegentliche Versuch, das Ganze mit Humor zu überdecken, gelingt für meinen Geschmack auch nicht immer.

Da stellt sich die Frage nach der Zielgruppe. Auf der Schachtel steht „Ab 8“. Eine Reihe von Vielspielern glauben: Für Erwachsene zu flach, mit Kindern super. Gesellschaftssatire mit Kindern? Na gut – wenn man mit den Eltern regelmäßig das ZDF Magazin Royale schaut, dann kann man auch als Achtjähriger Cozy Sticker Ville bewältigen. Für die Mehrheit halte ich das allerdings für unrealistisch.

Empfehlenswert ist Cozy Sticker Ville vor allem zu zweit. Zu dritt funktioniert es ebenfalls noch gut, denn es gibt genug zu tun: Aus dem Storybuch müssen die richtigen Stellen vorgelesen werden, aus dem Stickerheft müssen die passenden Aufkleber herausgesucht und anschließend sorgfältig auf dem Spielbrett platziert werden. Als kooperatives Dorfbau-Experiment ist Cozy Sticker Ville eine ungewöhnliche und trotz kleinerer Kritikpunkte sehr reizvolle Spielerfahrung.

Rating: 7/10 ⚄ ⇗

© · games we play 2026