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Eselsbrücke

schön: 5 PunkteDer Spaß mit der Gedächtnislücke

von Stefan Dorra und Ralf zur Linde

Schmidt (Redaktion: Thorsten Gimmler)

ca. 25 €   

2 bis 6 SpielerInnen

Schwierigkeitsehr einfach (ab ca. 8 Jahre)

Nominiert für das Spiel des Jahres 2012

Manches Spiel muss erst reifen, um der Spiel-des-Jahres-Jury bemerkenswert zu erscheinen. Erst als nach einem Jahr die zweite Auflage mit einer überarbeiteten Regel herauskam war es so weit. Geändert waren eher Kleinigkeiten bei der Spieldauer und der Punkteregel. Das Spiel als solches blieb unverändert.

„Der Papagei sitzt im Nachthemd auf dem Kaktus“, erklärt der Spieler zu den drei vor ihm liegenden Begriffskärtchen und legt diese verdeckt zur Seite. Reihum erzählen alle Mitspieler solche „Eselsbrücken“. Zwei Runden und viele Begriffe weiter holt der erste Spieler seine beiseite gelegten Kärtchen wieder hervor. Er gibt mir die Karte mit dem Nachthemd. Ich muss mich jetzt entweder an Papagei oder Kaktus erinnern, um das entsprechende Kärtchen zu gewinnen.

Am Anfang klappt das noch gut. Aber wenn immer mehr solcher „Eselsbrücken“ erzählt werden, die in zwei, drei Sätzen das Gedächtnis unterstützten, wird es für mich schwierig. In den ersten zwei Runden wird reihum von uns allen je eine Kurzgeschichte erzählt. In den folgenden beiden Runden wird erzählt und geraten. Und in den zwei Schlussrunden geht es nur noch ums Raten. In der Erstauflage wurde sogar sieben Runden gespielt, was in der Zweitauflage nur noch als Expertenvariante empfohlen wird. Sinnvoll ist es, die Zahl der Runden an der Anzahl der Mitspieler festzumachen. Zu viert sind sieben Durchläufe gut, zu sechst sind sechs Runden völlig ausreichend.

Was bei Eselsbrücke in der ersten Auflage für Unmut gesorgt hat, waren die drakonischen Strafen. Wer falsch rät, musste am Anfang lediglich ein bereits gewonnenes Begriffskärtchen zurückgeben. In den Folgerunden stieg diese Strafe auf bis zu sieben (!) Kärtchen an. Manche Spieler landeten bei null Punkten. Das ist mit der Überarbeitung der Anleitung sinnvoll entschärft. In der Standardregel verliert man maximal drei Kärtchen, in der Expertenvariante bis zu fünf.

„Stoppkärtchen“ sollen dabei den Verlust begrenzen. Wer eine besonders schöne „Eselsbrücke“ erzählt, so dass sich alle Mitspieler korrekt erinnern, bekommt ein solches „Stopp“ als Belohnung. Er legt es auf sein Kärtchenstapel und weiß nun, dass bis dorthin gesammelte Punkte sicher sind. In der Erstauflage war das „Stoppschild“ nur temporär wirksam. Es hat nämlich die unter ihm liegenden Begriffskärtchen nur ein Mal geschützt, beim nächsten Fehler nicht mehr. Wichtig ist, dass das aufgewertete „Stopp“ den Erzähler der guten Geschichten belohnt. Denn man sollte nicht vergessen, dass das im Mittelpunkt des Spiels steht.

Manchmal kommt es vor, dass ein Spieler zwar noch ein zu ratendes Plättchen auf der Hand hat, aber bei den Mitspielern keines mehr liegt. Er könnte jetzt nur noch sein eigenes Kärtchen raten, was er in der Zweitauflage auch tut. Das war in der ersten Auflage eleganter gelöst. Da lag in der Tischmitte ein Kärtchen, dass bei Spielbeginn allen gezeigt wurde. Dieser Begriff war zu erraten – und wurde dann verdeckt gegen die Handkarte des Spielers getauscht. Diese Regel hätte man als Expertenvariante in der Neuauflage erhalten sollen.

Was nicht geändert wurde, ist die Angabe der maximalen Spielerzahl „12“. Tatsächlich ist Eselsbrücke ein Spiel für höchstens sechs Leute. Selbstverständlich könnte man sich in Teams zusammenfinden. Sogar in Dreier-Teams – dann hätte man sogar „18“ auf die Schachtel schreiben können. Klarheit und Wahrheit ist aber etwas anderes.

Ist Eselsbrücke ein lustiges Kommunikationsspiel? Oder eher das Gegenteil? Es hat beides. Es ist ein sehr ernsthafter Spielmechanismus, der die Gedächtnisleistungen jedes Einzelnen gnadenlos auf die Probe stellt. Durch die erzählten Geschichten ist es gleichzeitig aber auch unterhaltsam. Wobei man festhalten muss: Manchen Mitspielern gelingt dies besser als anderen. Und beim Raten gilt das doppelt. Hier brauchen die Unterlegenen gelegentlich viel Humor, um die Leistungen mancher „Alleswisser“ zu ertragen.

Beim Spielschluss zieht der ein oder andere frustriert davon. Die Allermeisten sind aber begeistert.

© Harald Schrapers · games we play 2012