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QE

5 von 6 von Gavin Birnbaum

Strohmann Games / Board Game Tables · com

Illustration: Anca Gavril

ca. 34 €

3 bis 5 SpielerInnen (am besten: 4)

Schwierigkeiteinfach (ab ca. 10 Jahre)

Jahrgang 2023

„Too big to fail“: Es gibt sie, die systemrelevanten Unternehmen, die vom Staat beziehungsweise ihren Zentralbanken unbedingt am Leben gehalten werden müssen. Gleichzeitig geht es um QE, was „Quantitative Easing“ heiß. Quantitative Lockerung ist die Art der Geldpolitik, die die Europäische Zentralbank – aber auch andere Notenbanken – nach der Finanzkrise betrieben haben: es wird „Geld gedruckt“, um Staatsanleihen und andere Wertpapiere aufzukaufen. Genau das machen wir in diesem Spiel. Wir können jede beliebige Geldsumme aufbringen, um die ins Straucheln geratenen Großkonzerne zu retten, deren Zusammenbruch unabsehbare Folgen für die Wirtschaft und die Arbeitsmärkte haben kann. Die Lehman-Brothers-Pleite, die die Welt in eine Jahre andauernde Krise riss, ist ein warnendes Beispiel.

Das Thema „Quantitative Easing“ ist denjenigen vertraut, die sich gerne mit geldpolitischen Fragestellungen beschäftigen. Die Mitspielenden, die den Wirtschaftsteil der Zeitung eher selten in die Hand nehmen, erreicht das nicht wirklich. Doch sie sollten sich vom Namen des Spiels nicht abschrecken lassen.

Die Spielerinnen und Spieler, alle vertreten je eine Volkswirtschaft, versteigern reihum Unternehmen, die jeweils 1 bis 4 Siegpunkt wert sind. Wenn ich an der Reihe bin, schreibe ich auf meine Gebotstafel mit einem abwischbaren Stift ein Startgebot. Meine Gegnerinnen notieren verdeckt ein – zumeist höheres – Gebot auf ihren Tafeln, die sie dann zu mir schieben. Wer die höchste Zahl aufgeschrieben hat, bekommt den Zuschlag. Wie hoch ist die gebotene Summe? Das bleibt ein Geheimnis, das die ausgabefreudige Mitspielerin und ich nicht ausplaudern dürfen. Erst bei Spielende werden die genauen Beträge der Höchstgebote offengelegt. In dem Moment bricht diejenigen Volkswirtschaft zusammen, die insgesamt am meisten Geld für die Unternehmensankäufe ausgegeben hat. Diese Spielerin erleidet den Staatsbankrott und hat verloren. Die anderen Mitspielenden dürfen hingegen ihre Siegpunkte zählen, die mehr sind, als der 1 bis 4 betragene Basiswert der Unternehmen. Wer besonderes viele Konzerne einer Branche gerettet hat bekommt Boni, genauso wie derjenige, der seine Ankäufe über viele Branchen gestreut hat. Auch die Rettung von heimischen Firmen bringt wichtige Extrapunkte.

Die Spielregeln sind einfach. Trotzdem hat QE eine recht hohe Einstiegshürde. Wieviel Geld bietet man für ein Unternehmen? Völlig egal, jeder Preis ist möglich! Diese extreme Beliebigkeit macht es gerade spielerfahreneren Leuten manchmal schwer, einen Zugang zu finden. Wer sich nicht so gut mit Spielen auskennt, ist meist unbefangener. Und genau dieses Herangehen ist anfangs ganz gut, denn schnell wird man von der Faszination des Spiels eingefangen. Die scheinbare Regellosigkeit beim Geldausgeben kann in der richtigen Runde beinahe für Partystimmung sorgen – wie man sich das bei Investmentbankern nach Feierabend so vorstellt. Immer gepaart mit der Angst, selbst zu kurz zu kommen oder sich komplett verspekuliert und sich selbst rausgekickt zu haben.

Erinnerungswürdig sind Partien, in denen irrwitzige Preissprünge vorkommen. Andere Partien laufen ruhiger ab, weil sich alle einer soliden Haushaltsführung verschrieben haben. Oder das Spiel lahmt ein wenig, weil irgendjemand zu schnell den Bogen überspannt hat. Doch selbst da könnte es im letzten oder vorletzten Zug noch eine Wende geben. Auch kann es passieren, dass eine strategisch geschickte Spielerin in den ersten Runden, in denen alles noch ganz billig war, bereits so viele Bonussiegpunkte verbuchen konnte, dass sie angesichts drastisch steigender Gebote nicht mehr einzuholen ist. Obwohl auch das kein Muss ist: die Preise dürfen auch sinken.

Selten habe ich ein Spiel erlebt, dass so sehr von Psychologie bestimmt ist, wie QE. Man spricht immer von der Psychologie der Märkte und der Börse – hier spürt man sie am eigenen Leib. Das ist die besondere Güte dieses Spiels, und dies trägt auch länger als zwei, drei Partien, in denen man noch von der Besonderheit dieses außergewöhnlichen Spielgefühls überrascht ist. Gleichzeitig dient QE als eine spannende Kommentierung der ökonomischen Realität. Das würde sogar neoliberal eingestellten Mitspielern gefallen, die die zeitweise sehr lockere Geldpolitik und die Ausweitung der Geldbasis insbesondere durch die EZB schon immer als Sündenfall ablehnten. Andere sehen sich in ihrer Kritik an einem Kapitalismus bestätigt, der die „Too big to fail“-Konzerne überhaupt erst ermöglicht.

Bedauerlicherweise wirkt das von Strohmann Games verlegte QE inzwischen beinahe wie aus der Zeit gefallen. Denn die „Whatever it takes“-Ankündigung des damaligen EZB-Präsidenten Manuel Draghi, der mit der Eurokrise konfrontiert war, ist bereits zehn Jahre her. Damals ging es ihm darum, mit einem Null-Zins und Anleihekäufen eine Deflation vermeiden. Seit Putins verbrecherischem Angriffskrieg auf die Ukraine sind wir mit einer hohen Inflation konfrontiert, und die Zeiten der quantitativen Lockerung sind in der wirklichen Welt – vorerst – vorbei.

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